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Hingucker

Blinder Schreiner

Am Kreissägeblatt tastende Finger wecken bei Sehenden ungute Gefühle.  

Weil er nicht sieht, arbeitet Jim Morgan mit einem «sprechenden» Rollmeter: Eine Computerstimme nennt ihm jeweils die gemessene Distanz. Wenn es aber richtig genau sein muss, vertraut er auf exakt geschnittene Holzklötzchen, mit denen er durch Tasten seine Arbeit vergleichen kann. Auf diese Weise kann er zum Beispiel das Blatt seiner Kreissäge präzise einstellen. 

 

 

Doch die Kreissäge ist nicht die einzige Maschine in Jim Morgans Werkstatt. Er kann auch Abrichten und Dickenhobeln, verfügt über eine Ständerbohrmaschine und arbeitet mit der Handoberfräse. Trotzdem fürchtet er sich nicht vor einem Unfall. «Ich weiss genau, wo sich die gefährlichen Werkzeuge befinden. Zudem arbeite ich langsamer. So gesehen ist mein Verletzungsrisiko eher geringer als vor dem Unfall.»

 

Durch den schweren Unfall – auf dem Velo wurde er von einem Auto umgefahren – verlor Jim Morgan sein Augenlicht vollständig. Das war vor sechs Jahren. Um besser mit seinem Frust umgehen zu können und einer Depression vorzubeugen, suchte der US-Amerikaner nach einer sinnvollen Tätigkeit. In einer kleinen Werkstatt begann er wieder zu schreinern. 

 

Kleine Gegenstände eignen sich für Jim Morgan besser. Heute stellt er verschiedenste Uhrengehäuse aus Holz her und vermarktet sie unter dem Label «The Blind Clockmaker». Jede seiner Uhren ist anders. Interessenten erklärt er zwei Dinge, die wichtig seien: «Zum einen sind die Uhren einzigartig, weil ich gar nicht kopieren kann. Zum anderen sind sie speziell, weil sie der Hersteller selber nie wird sehen können.» (hw)