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Fach-Info

Will der VSSM keinen GAV mehr?

Thomas Iten, Zentralpräsident Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM 

Seit dem 1.1.2021 steht die Schreinerbranche ohne Gesamtarbeitsvertrag (GAV) da. Schreinersicht.ch befragte sowohl die Arbeitnehmer- als auch die Arbeitgeberseite zu den direkten Auswirkungen und wie die Zukunft aussehen könnte.

Hier das Interview mit Thomas Iten. Er ist Zentralpräsident des Verbandes Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM.

Welche negativen Auswirkungen hat der vertragslose Zustand bisher konkret mit sich gebracht?

Thomas Iten: Die bisherigen gut drei Monate verliefen relativ ruhig. Unverändert blieben zum Beispiel die Anstellungsbedingungen. Allein aufgrund der Lage am Arbeitsmarkt kann es sich niemand leisten, Mitarbeitenden schlechtere Bedingungen anzubieten. 

 

Dass die Mindestlöhne für ausländische Unternehmen nicht mehr gelten, ist sehr unschön. Dieses Problem können wir leider nicht kurzfristig lösen. Wir stellen aber bisher keine deutliche Zunahme des Drucks aus dem Ausland fest. 

 

Um sicher zu stellen, dass jede Schreinerei weiterhin über ein Sicherheitskonzept verfügen kann, hat der VSSM in Absprache mit den Gewerkschaften die SIKO-S übernommen. Für unsere Mitglieder bleibt somit alles gleich, auch die Kosten. Nichtmitgliedsbetriebe können wahlweise weiterhin die SIKO-Lösung nutzen oder ein eigenes Konzept entwickeln. 

 

Für die Weiterbildungswilligen fällt jetzt ein wichtiger Teil der finanziellen Unterstützung weg. Deshalb hat der VSSM beschlossen, im laufenden Jahr aus eigenen Reserven den fehlenden Betrag einzuschiessen. Ab 1.1.2022 soll ein neues System greifen, das auf Arbeitgeberbeiträgen basiert. Es ist aktuell auf dem Weg durch unsere Instanzen. Wenn es angenommen wird, profitieren davon natürlich nur Mitarbeitende aus Mitgliedsbetrieben. Damit sind aber 90% der Weiterbildungswilligen abgedeckt. 

Die getroffenen Massnahmen sind offensichtlich nicht nur für ein paar Monate gedacht. Will der VSSM gar keinen GAV mehr?

Wir haben sehr grosses Interesse an einem GAV, es sieht aber leider so aus, dass in nächster Zeit keiner zustande kommen wird. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Wenn sich diese Lösungen wegen eines neuen Vertrags erübrigen, umso besser. 

Wie sehen die nächsten Schritte aus, die der VSSM in Sachen GAV unternimmt?

Wir haben Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die Gewerkschaften wollen zwar auch verhandeln, aber immer nur im Zusammenhang mit einem Vorruhestandsmodell. Damit verbauen sie alles. Denn bei uns Arbeitgebern ist nach diesem klaren Abstimmungsergebnis das Vorruhestandsmodell vom Tisch. Sonst würden wir alle demokratischen Grundregeln missachten. Das geht einfach nicht. Auch vielen Arbeitnehmenden ist unbegreiflich, dass wegen dem Vorruhestandsmodell ein zukunftsgerichteter GAV von den Gewerkschaften über Bord geworfen wurde.

Funktionierende Sozialpartnerschaft gilt als wichtige Säule der Schweizer Wirtschaftskultur. Kann sich der VSSM den Imageverlust leisten, in der Öffentlichkeit ohne GAV dazustehen?

Klar ist der GAV ein gutes Zeichen für eine funktionierende Branche. Es gibt aber auch VSSM-Mitglieder, insbesondere grössere Betriebe, die nicht unglücklich sind mit dem vertragslosen Zustand.

 

Sehen Sie hier das Interview zum gleichen Thema mit Kaspar Bütikofer, Mitglied Sektorleitung Gewerbe bei der Gewerkschaft Unia. (hw)